Aus unserem Logbuch

Die Geschichte vom Einhorn

von | Jun 28, 2020 | Heimatgeschichten, Wanderquatsch

Es war eines dieser großen Piratenfeste, die in unregelmäßigen Abständen stattfanden und an denen die gesamte Kolonie teilnahm. Es war schon spät und nachdem die jungen Piraten ins Bett gebracht wurden, fanden sich die Erwachsenen an den Lagerfeuern in kleinen Gruppe für einen letzten Umtrunk ein. An einem dieser Feuer sahs Theodor, einer der „Studierten“, wie ihn die anderen gerne abschätzend nannten. Er genoss zwar ein bestimmtes Ansehen und wurde zu bestimmten Themen auch gerne gehört, nur ging er den meisten mit seinem Wissen auch auf die Nerven – gerade wenn er nicht gefragt wurde. „Wissen nervt!“, galt als geflügeltes Wort, welches der große Piratenkapitän Holzbart in einem seiner Wortgefechte mit Theodor prägte.

Und es ging schon wieder los… „Warum erzählt ihr den Kindern denn immer noch all die Geschichten von den Einhörnern?“, fragte Theodor. „Warum denn nicht?“, entgegnete einer der Piraten. „Weil es keine Einhörner gibt?“, dabei blickte Theodor erwartungsvoll in die Runde. Doch die erhoffte Zustimmung blieb aus.

„Wer sagt das?“, grummelte Holzbart, der gerade zu der Gruppe hinzu stieß. „Hast Du denn jemals eins gesehen“, fragte Theodor schnippisch. Holzbart blickte Theodor direkt in die Augen: „Vielleicht wollen sie ja nicht, dass sie gefunden werden?“ – Was sollte Theodor darauf nur erwidern.

„Ich habe mal eines gesehen“, warf Eddy, seines Zeichen Admiral zu See, ein: „Auf einer meiner Reisen durch Afrika.“ „Ich vermute das war ein Nashorn“, antwortete Theodor. „Vielleicht ist der Name Tarnung? Schließlich haben sie nur ein Horn.“ Damit war das Thema für Eddy erledigt. Quod erat demonstrandum.

Aber Theodor konnte es nicht lassen: „Die ganze Geschichte der Einhörner geht auf einen Übersetzungsfehler in der Bibel zurück. Gemeint war dort eigentlich der Auerochse. Die Menschen damals kannte das Tier aber vorwiegend von Wandzeichnungen und diese sind meist aus der Profilansicht gezeichnet. Also von der Seite. Und da war dann meist nur ein Horn abgebildet.“ „Also sollte es ursprünglich Zweihorn heißen? Davon habe ich ne ganze Weide voll“, entgegnete Friedhof. Gelächter.

„Na und?“, warf Holzbart ein. „Wir erzählen unseren Kindern auch von den Monstern im Wald. Ein wenig Ehrfucht vor der Natur hat noch keinem Piraten geschadet. Und was wäre die Welt ohne ein wenig Zauber und Magie?“ Theodor verstand worauf Holzbart hinauswollte. „Außerdem, mein lieber Theodor, du sagst es gäbe keine Einhörner?“ Holzbart grinste. Theodor runzelte die Stirn. Selten hatte er in seinen Diskussionen Holzbart so siegessicher erlebt. Holzbart hatte schon so lange auf diesen Moment gewartet, weshalb er ihn innerlich auskostete. Er griff in seine Tasche und holte ein Stück Papier hervor, welches er Theodor überreichte. Dieser blickte auf das Stück Papier und erkannte dass es sich um ein Foto handelte. Auf dem Foto – Theodors Herz blieb für einen Moment stehen – war ein Reh zu sehen. Aber etwas war anders. Theodor wurde schwindelig. Aus der Stirn des Rehs ragte ein Horn. Es gab nichts zu leugnen. Dies war wahrhaftig ein Bild eines Einhorns.

Seither wurde in dieser Runde nie mehr über Einhörner oder andere Fabelwesen gesprochen. Nur die Kinder der Piraten lauschten weiter den unzähligen Geschichten und Sagen.

Aus Memoiren eines Piraten, Band 3

Das Bild zu diesem Artikel habe ich vor einigen Jahren in Bad Herrenalb beim Aufstieg auf die Teufelsmühle entdeckt. Ich fand es ganz amüsant und es zauberte mir ein Lächeln in das Gesicht. Das Schild gibt es leider schon lange nicht mehr.

Aber auch das Bild des Einhorns aus der Geschichte gibt es wirklich.

Im Wildreservat Prado in der Toskana wurde 2008 ein Reh gesichtet. Dieses wies eine Mutation auf. Aufgrund eines seltenen Fehlers im Erbmaterial ragte aus seiner Stirn ein einzelnes Horn in die Höhe. Einige Wissenschaftler vermuten, dass solche Mutationen eventuell auch zu der Geschichte der Einhörner beigetragen haben. (Hier ein Artikel auf spiegel.de)

Viel wahrscheinlicher ist aber vermutlich, dass die Entstehung des Einhornes wirklich auf einen Übersetzungsfehler zurückgeht.

Im alten Testament wird an mehreren Stellen auf ein seltsames Tier verwiesen: das „Re`em“. Bei der Übersetzung des Textes aus dem hebräischen in das griechische, standen die Übersetzer vor einem Problem. Niemand wusste, um welches Tier es sich hierbei handelte. Schließlich nannten sie es „Monokeros“ (zu deutsch „Einhorn“).

Es wird vermutet, dass die Übersetzer sich hierbei auf Wandmalereien bezogen. Wahrscheinlich handelt es sich sogar um den Auerochsen. Wandmalereien bilden die Wirklichkeit vorwiegend in der Profilansicht (also von der Seite) ab, was dazu führt, dass bei den Abbildungen häufig nur ein Horn zu erkennen ist.

In den folgenden Jahrhunderten wurde der Glaube immer wieder durch Augenzeugenberichte erhärtet. Selbst der große Marco Polo berichtete davon. Unklar ist natürlich ob diesen Berichten einfach nur Erzählungen zugrunde liegen oder tatsächliche Sichtungen eines Tieres und ob es sich dabei schlicht um ein Nashorn oder gar um eine Mutation wie das Reh aus Italien handelte. Wir werden es nie erfahren.

Fest steht, dass sich das Bild des Einhorns wie wir es kennen erst im Mittelalter herausgebildet hat. Es galt als Symbol für Edelmut Güte und ist ein viel verwendetes Wappentier.

Quellen:
https://www.printplanet.de/wissenswertes/themen/einhorn/das-einhorn-die-herkunft-und-bedeutung-des-fabelwesens
https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/wundersames-tier-einhorn-verzueckt-italien-a-559062.html

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